ISSN: 1867-6189
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Von Büchern, Feuern und Glockenspielen – Die Zentralbibliothek der KU Leuven

Leuven, die schönere kleine Schwester von Brüssel ist bekannt für drei Dinge: Den historischen Stadtkern, die örtliche Brauerei und die Universität. Mit einer Einwohnerzahl von ca. 97.000 und einer Studierendenzahl von aktuell 40.270 ist die Stadt stark durch das studentische Leben geprägt. BRaIn besucht eines der Zentren der Universität, das mit der Institution selbst eine wechselhafte Vergangenheit teilt. Unser Ziel ist die Zentralbibliothek der KU Leuven, die sich in der Hauptstadt der Region Flandern – einem überwiegend niederländischsprachigen Teil Belgiens – befindet.

Das auffällige Gebäude der Bibliothek ist schnell gefunden, aber wegen des schlechten Wetters können wir es nur kurz von außen betrachten. Es ist Teil der katholischen Universität Leuven, die sich in kirchlicher Trägerschaft befindet. Gegründet wurde die Universität schon 1425 und ist somit die älteste ihrer Art in den Benelux-Staaten.

Unter dem Motto Sedes Sapientiae (deutsch: „Sitz der Weisheit“) hat die Universität, die heute 14 Fakultäten umfasst, viele Höhen und Tiefen durchlebt. Nachdem sie als erste Hochschule auf brabantisch-niederländischen Gebiet gegründet worden war, wandte sie sich 1797 gegen die Gleichschaltung der französischen Hochschulpolitik und wurde nach 372 Jahren zum ersten Mal geschlossen.

Zentralbibliothek Leuven (Autorin: Maria Fentz)

Nach einem kurzen Intermezzo als „Reichsuniversität“, trägt sie seit 1834 ihren heutigen Namen Katholieke Universiteit Leuven.

Die erste große Katastrophe der Universitätsgeschichte ereignete sich 1914 im Verlauf des ersten Weltkriegs. Die Universität, wie auch die gesamte Stadt Leuven, nahmen schweren Schaden im Zuge einer Vergeltungsaktion deutscher Soldaten. Ganze Viertel der Stadt wurden niedergebrannt und viele unwiederbringlichen Kunst- und Kulturobjekte fielen den Flammen zum Opfer, so zum Beispiel die päpstliche Stiftungsbulle der Universität. Vor allem die Bibliothek, die erst 1636, also erst 200 Jahre nach der Universität gegründet wurde, blieb nicht verschont. 800 Inkunabeln, 300.000 Bücher und ca. ein Dutzend Handschriften fielen den Flammen zum Opfer. Die Verbrennung dieser historischen Werke in solchem Umfang wurde schnell zum Mittel der Kriegspropaganda gegen die Mittelmächte. Mit dem Schriftzug „Ici finit la culture Allemande“ (deutsch: „Hier endet die deutsche Kultur“) in den Ruinen der Bibliothek wurde die Tat offen angeklagt und erlange somit internationale Beachtung und Bestürzung. Schnell formte sich eine Organisation zur Unterstützung der Universität und der Bibliothek im Besonderen. Die Oeuvre Internationale de Louvain, an der sich viele Staaten beteiligten, sammelte Geld und Sachspenden um die Bibliothek, die 1921-1928 nach den Plänen des amerikanischen Architekten Whitney Warren im Stil der Renaissance wieder aufgebaut wurde. Besonders der spätere amerikanische Präsident Herbert Clark Hoover spielte hier eine tragende Rolle. Am 4.Juli 1928 konnte die Bibliothek neu eröffnet werden und umfasste schon zu diesem Zeitpunkt eine Sammlung von 750.000 Bänden. Die Hälfte der Bücher stammte aus Schenkungen, die andere Hälfte wurde Mittels der im Versailler Vertrag festgehaltenen Reparationszahlungen erworben. Dem Universitätsbetrieb, der schon 1919 wieder aufgenommen worden war, verschaffte die internationale Aufmerksamkeit die höchste Zahl von Studierenden in der Universitätsgeschichte. Seit 1920 sind auch Frauen an der Universität zum Studium zugelassen.

Zentralbibliothek Leuven (Autorin: Maria Fentz)

Auch der zweite Weltkrieg hinterließ Spuren an der Universität. Die Schäden konzentrierten sich diesmal hauptsächlich auf die Universitätsbibliothek, die nun schon zum zweiten Mal dem Krieg zum Opfer fiel. Zudem wurden weitere Universitätsgebäude beschädigt oder besetzt. In der Nacht vom 15. auf den 16. Mai 1940 – nur 13 Jahre nach Wiedereröffnung – wurde die Bibliothek erneut Opfer der Flammen. Diesmal gaben sich Deutschland und England gegenseitig die Schuld. Von 900.000 Bänden konnten nur 15.000 Bände gerettet werden. Auch dieses Mal war die internationale Anteilnahme enorm, die

Erinnerungssteine an der Außenwand und in der Galerie des Bibliotheksgebäudes erinnern an Geldgeber aus aller Welt. Nach Ende des Krieges wurde die Bibliothek originalgetreu und vor allem durch amerikanische Förderung rekonstruiert. Nachdem der Wiederaufbau bis 1951 gedauert hatte, konnte die Bibliothek schon 1961 einen Bestand von 1. Mio. Bänden vorweisen.

Auch nachdem die Universität 1945 wieder in Betrieb genommen wurde, kam die Institution nicht zur Ruhe. Die vorläufig letzte große Veränderung stellte die Spaltung der Universität im Zuge der Sprachstreitigkeiten im Jahr 1968 dar. Der niederländischsprachige Teil der Universität verblieb in Leuven während der französischsprachige Teil der Universität nach Louvain-la-Neuve (deutsch:Neu-Löwen) umzog. Die Gebäude der Université catholique de Louvain befinden sich in der Region Wallonie, die von einer überwiegend französischsprachigen Bevölkerung bewohnt wird.

Im Zuge der Teilung der Universität wurde auch der Bestand der Zentralbibliothek geteilt. Um den Bestand möglichst gerecht zu teilen, wurde nach geraden und ungeraden Signaturen getrennt. Die Sammlung der Universitätsbibliothek wurde so zum dritten mal auseinander gerissen.

Heute ist die Zentralbibliothek Teil eines ausgeprägten Bibliothekssystems mit 37 Bibliotheken und einem gemeinsamen Katalog, der mehr als 3,3 Mio. Bände umfasst. Sie ist mit ca. 1 Mio. Bänden die größte Bibliothek des Komplexes und beherbergt neben den allgemeinen Nachschlagewerken auch ein Museum und das Universitätsarchiv.

Sie beherbergt verschiedene Sammlungen und hat vor allem einen Archivcharakter. Seit 1977 arbeitet die Institution mit dem LIBIS/DOBIS System, welches für alle Bibliotheken der Universität im Einsatz ist. Heute findet die Suche im Katalog der Bibliothek durch ein modernes discovery-system namens LIMO statt, so können sowohl Bücher als auch Zeitschriften und elektronische Medien gleichzeitig gefunden werden. Hauptaufgaben der Zentralbibliothek sind heute die Archivierung der Bestände, sowie die Breitstellung fachübergreifender Informationen, welche nicht in den Faklutätsbibliotheken zu finden sind.

Zusätzlich zu den allgemeinen Nachschlagewerken und Zeitschriften beherbergt die Zentralbibliothek die Ost-Asien Sammlung der Universität, die ca. 60.000 Bände umfasst. Zudem fungiert die Zentralbibliothek als Repositoriumsbibliothek und sammelt alle an der Universität erschienenen Publikationen sowie akademische Schriften. Besonders wertvoll

Lesesaal der Zentralbibliothek Leuven (Autorin: Maria Fentz)

sind die Handschriften und alten Drucke, die zum Teil im 3. Stockwerk ausgestellt werden. Im ersten Stockwerk befindet sich sowohl der hölzerne große Lesesaal, der allgemeine Nachschlagewerke und eine große Zahl an Arbeitsplätzen bereitstellt, als auch den kleinen Lesesaal, der in verschiedene Abteilung mit verschiedenen Beständen (z.B. nationale und internationale Zeitungen und Zeitschriften) aufgeteilt ist. Im Erdgeschoss befindet sich neben dem Universitätsarchiv auch eine Ausstellungshalle.

Neben dem Gebäude an sich, welches das Stadtbild entscheidend prägt, ist die Zentralbibliothek auch für ihren Glockenturm bekannt. Das enthaltene Carillon wurde schon 1928 von einem amerikanischen Ingenieur gespendet und hat das Feuer im zweiten Weltkrieg überstanden. Es gehört zu den größten und schönsten Glockenspielen in Europa. Das 35 Tonnen schwere Instrument wird zweimal die Woche für eine Dreiviertelstunde gespielt. Auch Musikwünsche werden entgegen genommen. Die Zuhörer bekommen nicht nur die Chance zu hören und zu erkennen, welches Stück gerade gespielt wird, sondern haben auch die Möglichkeit den Glockenturm nach vorheriger Anmeldung zu besichtigen.

Quellen:

Universitätsbibliothek Löwen (2012). Online verfügbar unter http://de.wikipedia.org/wiki/Universit%C3%A4tsbibliothek_L%C3%B6wen, zuletzt aktualisiert am 09.03.2012, zuletzt geprüft am 27.06.2012.

Katholieke Universiteit Leuven (Hg.) (2012): Website der Zentralbibliothek der KU Leuven. Online verfügbar unter http://bib.kuleuven.be/bibc/english/index.php, zuletzt aktualisiert am 11.06.2012, zuletzt geprüft am 27.06.2012.

Jonckheere, Werner (1995): Die Organisationsstruktur des Bibliothekssystems der Universität Leuven (Löwen, Belgien). In: Bibliothek Forschung und Praxis 19 (3), S. 386–395. Online verfügbar unter http://www.b2i.de/fileadmin/dokumente/BFP_Bestand_1995/Jg_19-Nr_3/Jg_19-Nr_3_Aufsaetze/Jg_19-1995-Nr_3-S_386-395.pdf, zuletzt geprüft am 27.06.2012.

Katholieke Universiteit Leuven (Hg.) (02. Oktover 2002): The Central Library. An historical survery. Online verfügbar unter http://bib.kuleuven.be/english/bibc/histor_e.htm, zuletzt aktualisiert am 02. Oktover 2002, zuletzt geprüft am 27.06.2012.

Bibliothekswesen der Niederlande

Wer nach einer Reise einen Bahnhof verlässt, erwartet in seinem Blickfeld wohl am wenigsten eine Bibliothek. In Amsterdam allerdings ist das neue Wohn- und Kulturquartier „Osterdockeiland“ die neue Heimat der Openbaren Bibliotheek Amsterdam (OBA). Der 2007 eröffnete Neubau löst den Standort der Stadtbibliothek in der Altstadt ab und hat sich schnell zu einem neuen beliebten Treffpunkt entwickelt. Das ist auch nicht verwunderlich, denn die Lage und die Architektur sprechen für sich, hat man doch auf der Terrasse der OBA eine der schönsten Aussichten über den Hafen und die Grachten Amsterdams. Aber auch technisch gibt die Bibliothek einiges her und ist ihrer Zeit voraus. Die 1000 Arbeitsplätze – davon 600 mit Computer ausgestattet – sind über die zehn Etagen der 28.000 qm großen Bibliothek verteilt. Zusätzlich dazu finden sich noch 110 Terminals über die der OPAC abrufbar ist. Die 700.000 Medien, welche sich im Gebäude befinden (Gesamtbestand: 1,7 Mio.) können an acht RFID-Stationen ausgeliehen werden. Dennoch ist die Bibliothek keine reine Arbeitsbibliothek, viel mehr versteht sie sich als Erlebnisbibliothek mit Restaurant, Cafés und einem vollständig ausgestatteten Theatersaal mit 270 Plätzen. Der neue Standort, der jährlich doppelt so viele Besucher anlockt wie der alte, ist die vorerst letzte Etappe der Entwicklung der öffentlichen Bibliotheken in Amsterdam die schon 1919 gegründet wurden.

Damit ist diese Bibliothek jedoch nicht die älteste des Landes. Schon 1892 wurde in Utrecht die erste öffentliche Bibliothek gegründet und bereits im 16. Jahrhundert entwickelte sich das Bibliothekswesen der Niederlande mit der Universitätsbibliothek Leiden. Sie bildet zusammen mit der Koninklijke Bibliotheek (KB) der Niederlande bis heute das Wissenszentrum des Landes und ist somit die bedeutendste wissenschaftliche Bibliothek. Im Gegensatz zu den Universitätsbibliotheken, die sich durch die Universität selbst finanzierten, waren die Öffentlichen Bibliotheken auf die Spenden und Nachlässe von Privatpersonen angewiesen. Um dieses Problem zu lösen, gründete sich die Centrale Vereeniging voor Openbare Lesezalen en Bibliotheeken in Nederland durch Dr. Henri Greve. Dieser konnte eine finanzielle Förderung der Öffentlichen Bibliotheken durchsetzen mit der Folge, dass die Anzahl der Bibliotheken bis 1940 auf 62 stieg. Ein Aufschwung machte sich in den 50ern bemerkbar, als die Bibliotheken verstärkt Jugendabteilungen einrichteten und einen höheren Anteil der beruflichen und Erwachsenenbildung in den Bestand aufnahmen. Infolgedessen schlossen sich 1972 die verschiedenen Bibliotheksvereine zusammen und gründeten das „Nederlands Bibliotheek en Lektuur Centrum“ (NBLC) mit Sitz in Den Haag. Dieses Gremium beschloss 1975 ein Bibliotheksgesetz, dass die Einrichtung von Bibliotheken förderte und eine Lösung der Kostenfrage vorschlug.
Durch das Bibliotheksgesetz entstanden auch in kleineren Städten Bibliotheken, um die Literaturversorgung in ländlichen Regionen zu fördern. Um der Abnahme der kulturellen Vielfalt entgegenzuwirken, entwickelten sich in den 2000er Jahren neue Konzepte. Das aus den nordischen Ländern und Großbritannien stammende Konzept des Kulturhauses setze sich ab 2003 in der Region Overijssel durch. 2003 wurde zum Beispiel in Borne ein solches Kulturhaus eröffnet. Dies ist nicht primär als multikulturelles Projekt, sondern als Ganzes unter gemeinsamer Verwaltung und gemeinsamen Management zu verstehen. In einem Kulturhaus verbinden sich verschiedene kulturelle Einrichtungen der Gemeinde unter einem Dach und haben so die Möglichkeit eine einheitliche Planung und Zielsetzung sowie eine kostensparende Organisation zu bewerkstelligen. Im Kulturhaus Borne selbst verbinden sich die zwei zentralen Basiskonzepte, die sich aus einem dynamischen Programm und einem passiven Gebäude zusammensetzen. Im Kulturhaus Borne befinden sich die Bibliothek, das Theater, die Musikschule, das Amt für Sozialarbeit, der Fremdenverkehrsverein, das Jugendzentrum, die Berufsschule und der Lokalrundfunk. Die Programme der einzelnen Einrichtungen sind aufeinander abgestimmt und unterstützen sich gegenseitig. Mittlerweile gibt es zwölf Kulturhäuser in der Region, die alle verschieden zusammengesetzt sind.

Auch wenn dies nur einen kleinen Ausschnitt des niederländischen Bibliothekswesens darstellen kann, zeigen sich an dieser Stelle schon Unterschiede zum deutschen Pendant.  Diese Verschiedenheiten zeigen sich zum einen durch die rechtliche Verankerung im Bibliotheksgesetz als auch durch die Außendarstellung der Bibliotheken. Im Gegensatz zu Deutschland, wo die Bibliotheken in Konkurrenz zu anderen kulturellen Einrichtungen stehen und Budgetkämpfe die Tagesordnung beherrschen, setzen die Niederlande auf eine Kooperationsstrategie. Niederländische Bibliotheken legen ihren Fokus vor allem  auf die Aufenthaltsqualität und laden ihre Nutzer ein sich in ihr aufzuhalten, sie zu nutzen und mit Leben zu füllen.

So ist es am Ende nicht verwunderlich, dass die Bibliothek das Erste ist, was ins Auge fällt, wenn ein Besucher den Amsterdamer Hauptbahnhof verlässt – kann sie doch als Symbol für das niederländische Bibliothekswesen gedeutet werden. Sie verbindet Offenheit mit Nutzerfreundlichkeit und Innovationen. In diesem Sinne „Hartelijk welcom in onze bibliotheek“.

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Literatur

Brandorff, G. (2006) „Konzept gegen kulturellen und sozialen Kahlschlag“, BuB, 58 (09), pp. 633-635.

Gabel, G. U. (2008) „Die neue Zentrale der Stadtbibliothek in Amsterdam“, B.I.T. online, 1 (11),  pp. 78-80.

Gabel, G. U. (1992) „100 Jahre Öffentliche Bibliotheken in den Niederlanden“, Bibliotheksdienst, 12 (92), pp. 1902.

Müller-Jerina, A. (2008) „Be in the library, but feel at home – Eine Reise durch niederländische Bibliotheken“, ProLibris, 3, pp. 117-122.

Schneiders, P. (1998) „Libraries in the Netherlands“, IFLA Journal, 24 (1998), pp. 145-156.

Bilder

OBA (openbare Bibliotheek Amsterdam)

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3d/BibliotheekOBA_2.jpg

Kulturhus Borne

http://www.kulturhusborne.nl/sites/index.php?page=56

Universität Leiden

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/76/Academiegebouw_Universiteit_Leiden.png