ISSN: 1867-6189
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Bibliothekswesen der Niederlande

Wer nach einer Reise einen Bahnhof verlässt, erwartet in seinem Blickfeld wohl am wenigsten eine Bibliothek. In Amsterdam allerdings ist das neue Wohn- und Kulturquartier „Osterdockeiland“ die neue Heimat der Openbaren Bibliotheek Amsterdam (OBA). Der 2007 eröffnete Neubau löst den Standort der Stadtbibliothek in der Altstadt ab und hat sich schnell zu einem neuen beliebten Treffpunkt entwickelt. Das ist auch nicht verwunderlich, denn die Lage und die Architektur sprechen für sich, hat man doch auf der Terrasse der OBA eine der schönsten Aussichten über den Hafen und die Grachten Amsterdams. Aber auch technisch gibt die Bibliothek einiges her und ist ihrer Zeit voraus. Die 1000 Arbeitsplätze – davon 600 mit Computer ausgestattet – sind über die zehn Etagen der 28.000 qm großen Bibliothek verteilt. Zusätzlich dazu finden sich noch 110 Terminals über die der OPAC abrufbar ist. Die 700.000 Medien, welche sich im Gebäude befinden (Gesamtbestand: 1,7 Mio.) können an acht RFID-Stationen ausgeliehen werden. Dennoch ist die Bibliothek keine reine Arbeitsbibliothek, viel mehr versteht sie sich als Erlebnisbibliothek mit Restaurant, Cafés und einem vollständig ausgestatteten Theatersaal mit 270 Plätzen. Der neue Standort, der jährlich doppelt so viele Besucher anlockt wie der alte, ist die vorerst letzte Etappe der Entwicklung der öffentlichen Bibliotheken in Amsterdam die schon 1919 gegründet wurden.

Damit ist diese Bibliothek jedoch nicht die älteste des Landes. Schon 1892 wurde in Utrecht die erste öffentliche Bibliothek gegründet und bereits im 16. Jahrhundert entwickelte sich das Bibliothekswesen der Niederlande mit der Universitätsbibliothek Leiden. Sie bildet zusammen mit der Koninklijke Bibliotheek (KB) der Niederlande bis heute das Wissenszentrum des Landes und ist somit die bedeutendste wissenschaftliche Bibliothek. Im Gegensatz zu den Universitätsbibliotheken, die sich durch die Universität selbst finanzierten, waren die Öffentlichen Bibliotheken auf die Spenden und Nachlässe von Privatpersonen angewiesen. Um dieses Problem zu lösen, gründete sich die Centrale Vereeniging voor Openbare Lesezalen en Bibliotheeken in Nederland durch Dr. Henri Greve. Dieser konnte eine finanzielle Förderung der Öffentlichen Bibliotheken durchsetzen mit der Folge, dass die Anzahl der Bibliotheken bis 1940 auf 62 stieg. Ein Aufschwung machte sich in den 50ern bemerkbar, als die Bibliotheken verstärkt Jugendabteilungen einrichteten und einen höheren Anteil der beruflichen und Erwachsenenbildung in den Bestand aufnahmen. Infolgedessen schlossen sich 1972 die verschiedenen Bibliotheksvereine zusammen und gründeten das „Nederlands Bibliotheek en Lektuur Centrum“ (NBLC) mit Sitz in Den Haag. Dieses Gremium beschloss 1975 ein Bibliotheksgesetz, dass die Einrichtung von Bibliotheken förderte und eine Lösung der Kostenfrage vorschlug.
Durch das Bibliotheksgesetz entstanden auch in kleineren Städten Bibliotheken, um die Literaturversorgung in ländlichen Regionen zu fördern. Um der Abnahme der kulturellen Vielfalt entgegenzuwirken, entwickelten sich in den 2000er Jahren neue Konzepte. Das aus den nordischen Ländern und Großbritannien stammende Konzept des Kulturhauses setze sich ab 2003 in der Region Overijssel durch. 2003 wurde zum Beispiel in Borne ein solches Kulturhaus eröffnet. Dies ist nicht primär als multikulturelles Projekt, sondern als Ganzes unter gemeinsamer Verwaltung und gemeinsamen Management zu verstehen. In einem Kulturhaus verbinden sich verschiedene kulturelle Einrichtungen der Gemeinde unter einem Dach und haben so die Möglichkeit eine einheitliche Planung und Zielsetzung sowie eine kostensparende Organisation zu bewerkstelligen. Im Kulturhaus Borne selbst verbinden sich die zwei zentralen Basiskonzepte, die sich aus einem dynamischen Programm und einem passiven Gebäude zusammensetzen. Im Kulturhaus Borne befinden sich die Bibliothek, das Theater, die Musikschule, das Amt für Sozialarbeit, der Fremdenverkehrsverein, das Jugendzentrum, die Berufsschule und der Lokalrundfunk. Die Programme der einzelnen Einrichtungen sind aufeinander abgestimmt und unterstützen sich gegenseitig. Mittlerweile gibt es zwölf Kulturhäuser in der Region, die alle verschieden zusammengesetzt sind.

Auch wenn dies nur einen kleinen Ausschnitt des niederländischen Bibliothekswesens darstellen kann, zeigen sich an dieser Stelle schon Unterschiede zum deutschen Pendant.  Diese Verschiedenheiten zeigen sich zum einen durch die rechtliche Verankerung im Bibliotheksgesetz als auch durch die Außendarstellung der Bibliotheken. Im Gegensatz zu Deutschland, wo die Bibliotheken in Konkurrenz zu anderen kulturellen Einrichtungen stehen und Budgetkämpfe die Tagesordnung beherrschen, setzen die Niederlande auf eine Kooperationsstrategie. Niederländische Bibliotheken legen ihren Fokus vor allem  auf die Aufenthaltsqualität und laden ihre Nutzer ein sich in ihr aufzuhalten, sie zu nutzen und mit Leben zu füllen.

So ist es am Ende nicht verwunderlich, dass die Bibliothek das Erste ist, was ins Auge fällt, wenn ein Besucher den Amsterdamer Hauptbahnhof verlässt – kann sie doch als Symbol für das niederländische Bibliothekswesen gedeutet werden. Sie verbindet Offenheit mit Nutzerfreundlichkeit und Innovationen. In diesem Sinne „Hartelijk welcom in onze bibliotheek“.

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Literatur

Brandorff, G. (2006) „Konzept gegen kulturellen und sozialen Kahlschlag“, BuB, 58 (09), pp. 633-635.

Gabel, G. U. (2008) „Die neue Zentrale der Stadtbibliothek in Amsterdam“, B.I.T. online, 1 (11),  pp. 78-80.

Gabel, G. U. (1992) „100 Jahre Öffentliche Bibliotheken in den Niederlanden“, Bibliotheksdienst, 12 (92), pp. 1902.

Müller-Jerina, A. (2008) „Be in the library, but feel at home – Eine Reise durch niederländische Bibliotheken“, ProLibris, 3, pp. 117-122.

Schneiders, P. (1998) „Libraries in the Netherlands“, IFLA Journal, 24 (1998), pp. 145-156.

Bilder

OBA (openbare Bibliotheek Amsterdam)

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3d/BibliotheekOBA_2.jpg

Kulturhus Borne

http://www.kulturhusborne.nl/sites/index.php?page=56

Universität Leiden

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/76/Academiegebouw_Universiteit_Leiden.png

Die Zentralbibliothek – Das „institutionelle Gedächtnis“ der Europäischen Kommission

Die Zentralbibliothek der Europäischen Kommission wurde im Jahre 1958 gegründet. Sie besitzt sowohl in Luxemburg als auch in Brüssel einen Standort.

Untergebracht ist die Bibliothek in Brüssel in dem alten Gebäude des Klosters Van Maerlant. Trotz Renovierung und Sanierung weisen hohe Giebel und Fenster noch etwas von dem Charme auf und verschaffen eine angenehme Atmosphäre, um an den dortigen Arbeitsplätzen zu arbeiten.

Zentralbibliothek der EU-Kommission im alten Klostergebäude

Zentralbibliothek der EU-Kommission (Autorin: Maria Fentz)

Nutzen können die Bibliothek die Mitglieder der Kommission und Beamte aller EU-Institutionen. Nach Anmeldung hat auch die interessierte Öffentlichkeit wie Juristen, Studenten und Lehrer Zugang zu den Angeboten der Bibliothek.

Zu den Angeboten zählen ein Bestand von über 505.000 Werken und eine Vielzahl von elektronischen Ressourcen. Der Bestand umfasst Titel seit dem Zeitraum der Europäischen Einigung in den 50er Jahren.

Innenräume der Zentralbibliothek

Innenräume der Zentralbibliothek (Autorin: Maria Fentz)

Grundlage für die Sammlungen der Zentralbibliothek sind deshalb auch die Bestände der „Hohen Behörden“ der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), der Euratom- und der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG-Kommission).

Unter den Sammlungen befinden sich viele offizielle Publikationen der Institutionen aller Mitgliedsländern der Europäischen Union in allen 23 Amtssprachen, aber auch kommerzielle und akademische sowie andere staatliche Veröffentlichungen werden von der Bibliothek erworben und zur Verfügung gestellt.
Der thematische Schwerpunkt der Sammlungen liegt auf der jüngsten europäischen Geschichte und Integration und gibt so einen aktuellen, aber auch historischen Überblick. Mit diesem Alleinstellungsmerkmal erfüllt die Bibliothek ihre Aufgabe zum „Projekt Europa“ beizutragen und die Aktivität der europäischen Bürgerschaft zu unterstützen.

Andere Sachgebiete sind beispielsweise Internationale Zusammenarbeit, Wirtschaft, Recht, Kultur, Industrie und Handel, um möglichst alle politisch relevanten Bereiche und Kompetenzen der Kommissionsmitglieder abzudecken.

Weitere Dienstleistungen sind eine wöchentliche Veröffentlichung über die Neuzugänge, eine zusammengestellte Auswahl von interessanten Zeitschriftartikeln, die Fernleihe sowie der Dokumentlieferdienst. Des Weiteren finden viele Schulungen sowohl für Kommissionsmitglieder als auch für alle im Bibliotheksnetz (Réseaubib) und Informationszentren der EU-Kommission angestellten Mitarbeiter  statt. Die Mitglieder erhalten Trainings beispielsweise im Umgang mit dem Katalog und das Personal Beratung und Unterstützung in verwaltungstechnischen Angelegenheiten. Die Benutzer haben die Möglichkeit Rechercheanfragen an die Bibliotheksmitarbeiter in Auftrag zu stellen und mit Hilfe von individuellen RSS-Feeds und Web 2.0- Technologien aktuelle Informationen und Angebote der Bibliothek zu verfolgen.

Um in den Beständen der Zentralbibliothek zu recherchieren steht der Verbundkatalog ECLAS allen frei zur Verfügung. Der Verbund besteht aus der Zentralbibliothek und 25 weiteren Spezialbibliotheken und Dokumentationszentren. Er enthält Dokumente seit dem Jahre 1978, Erscheinungen aus den Jahren davor sind noch in den Zettelkatalog verzeichnet. Zusätzlich zu den bibliographischen Referenzen sind in ihm sämtliche Online-Ressourcen verlinkt und bieten den Nutzern somit ein breites Informationsspektrum.

Die Zentralbibliothek der Europäischen Kommission liefert aufgrund ihrer umfangreichen und spezifischen Sammlung einen wichtigen Beitrag zur Arbeit der EU-Kommission, die hauptsächlich darin besteht Aufgaben der Exekutive auszuführen und somit die europäische Integration voranzutreiben.

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Quellen: