ISSN: 1867-6189
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„Nennen Sie mich einen Romantiker“

Wer hat denn schon mal einen Klosterladen von innen gesehen? Ihr nicht? Wir schon. Für uns war der Klosterladen der ungewöhnliche Treffpunkt zu einer noch ungewöhnlicheren Führung durch den Wiener Schottenstift.

Unsere – „wie viele sind wir nochmal?“ – elfköpfige Gruppe erntete einige verwunderte Blicke. Auch unsere Frage nach Herrn Zeman wurde irritiert zur Kenntnis genommen – kannte man ihn hier doch unter Pater Augustinus.

Gleich die herzliche Begrüßung mit einem Händedruck für jeden ließ eine ganz persönliche Führung erahnen – und wir wurden nicht enttäuscht.

Der Benediktiner Mönch, eigentlich ein studierter Kunsthistoriker, führte uns zu Beginn anhand des klostereigenen Museums in die Geschichte des Stifts ein.

1155 vom damaligen Landesoberhaupt Herzog Heinrich erbaut, durchlebte das Gebäude Höhen und Tiefen der Architekturgeschichte, wurde es zunächst gotisch und im Stil des Spätbarocks errichtet, ist es heute von den klaren Mustern des Klassizismus geprägt. Grund hierfür waren damals unter anderem die hygienischen Umwälzungen der Aufklärung. Nun ist der Schottenstift seit 1832 unverändert.

Schottenaltar im Schottenstift Wien

Schottenaltar im Schottenstift Wien (Urheberin: Carina Pukade)

Voller Stolz präsentierte uns Pater Augustinus das Herzstück des Museums: Den Schottenaltar. Ist es doch die drittälteste bildliche Darstellung Wiens und um ca. 1469 entstanden, so übt es trotzdem einen gewissen Reiz auf den Betrachter aus. Der unbekannte Künstler schuf einen gotischen Flügelaltar mit teils biblischen, teils apokryphischen Malereien. Der Künstler – wenn auch anonym – prägte die Wiener Kunstszene.

Und nun zum Höhepunkt: Dem „Ort, der aus der Zeit gefallen ist“ – die „alte“ Bibliothek des Schottenstifts. Tatsächlich war es so, dass wir alle einen Moment erstarrten, als wir in die Bibliothek traten und uns klirrende Kälte umfing. Gleichzeitig beeindruckten uns die hohe Kuppel des Raumes und die an der Wand aufgereihten Regale mit scheinbar unzähligen antiquarischen Büchern.

In Basilikaform 1828/29 erbaut beherbergt die Bibliothek ca. 400 Handschriften ab dem Jahre 1420 und ca. 70000 Bände bis zum 20. Jahrhundert.

"Alte" Bibliothek des Schottenstifts

„Alte“ Bibliothek des Schottenstifts (Urheberin: Carina Pukade)

Im Gegensatz zu anderen österreichischen Klosterbibliotheken wird der Schottenstift nicht finanziell gefördert sondern muss sich aus eigenen Mitteln halten.

Bis 1870 wurden die Bestände handschriftlich in einem Autorenkatalog erfasst und auch heute gibt es noch keine Datenbank, die diesen verwaltet. Der Bestand der Schottenstiftbibliothek setzt sich aus den theologischen Kernfächern – Bibel, Kirchengeschichte, Kirchenrecht (Karionistik) – und den Fächern der Naturwissenschaft und Philosophie zusammen. Aufgestellt wird nach Fachgebieten und Numerus Currens.

Heute ist die Bibliothek musealisiert und wird wie ein Archiv genutzt. Im Klartext bedeutet das: Unser „Hobbybibliothekar“ verwaltet Anfragen aus der ganzen Welt und versucht diese im Rahmen der Möglichkeiten zu beantworten.

Geheimzimmer hinter einer versteckten Tür

Geheimzimmer hinter einer versteckten Tür (Urheberin: Carina Pukade)

„Nennen Sie mich einen Romantiker“, scherzte Pater Augustinus, als er uns erklärte, dass die Inhalte der „alten“ Bibliothek zwar weitgehend katalogisiert, jedoch aus verschiedensten Gründen nicht immer zu finden sind. Beispielsweise verschwanden um 1930 einige Handschriften, die aus Geldnöten unter der Hand verkauft wurden. Im Katalog findet man daher noch Titel, die eigentlich nicht mehr dort vorhanden sind. Auch stolpert Pater Augustinus auf der Suche nach Antworten auf Anfragen über die ungewöhnlichsten Dinge. Beispielsweise halten die „Geheimräume“ hinter den Regaltüren  für ihn immer noch Überraschungen bereit. So fand er eine verloren geglaubte Medaille unter einem Wust aus unsortierten Papieren auf dem Schreibtisch seines Vorgängers –sie diente als hübscher Briefbeschwerer.

Sogar während unserer Führung entdeckte der Mönch neue Bereiche seines Reichs.

Pater Augustinus zeigte großes Interesse an unserem informationswissenschaftlichen Können, da er selbst keine bibliothekarische Ausbildung genossen hat und Nutzern beispielsweise zwar in einem separaten Raum aber ohne Handschuhpflicht antike Handschriften zur Verfügung stellt.

Nach einem regen Austausch von bibliothekarisches Wissen und Anekdoten verabschiedeten wir uns von der klirrenden Kälte und dem herzlichen Pater Augustinus und verließen den Schottenstift, so wie wir es betreten hatten – durch den Klosterladen.

Ciao Da Vinci!

„L’Ultima Cena“, uns besser bekannt als „Das Abendmahl“ von Leonardo da Vinci, dürfte spätestens seit dem Bestseller „Sakrileg“ von Dan Brown jeder halbwegs bibliophilen Person ein Begriff sein. Doch auch außerhalb der Bücherwelt ist das Wandgemälde eines der Berühmtesten der Welt. Es befindet sich in dem Speisesaal des ehemaligen Dominikanerklosters Santa Maria delle Grazie, wird jedoch heute für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Jahr für Jahr, Tag für Tag pilgern hunderte Touristen in die von außen recht unscheinbar wirkende Kirche um sich Leonardos berühmtestes Werk anzusehen.

Santa Maria delle Grazie (Quelle: Wikipedia)

Santa Maria delle Grazie (Quelle: Wikipedia)

Dabei wird die Zeit streng begrenzt. Gerade mal knappe 15 Minuten durfte sich unsere kleine Reisegruppe nach etlichen Sicherheitskammern in das Gemälde vertiefen. Fotos waren natürlich nicht erlaubt. Sobald man erst einmal drin ist, sieht man sich erstaunt um. Ein leerer, grauer Raum an den Kopfenden geziert von zwei  ca. 4 x 9 m großen Wandgemälden. Das, was für uns heute ein Teil eines Weltkulturerbes ist, war für die Menschen Ende des 15. Jahrhunderts lediglich ein Arbeitsauftrag. Leonardo selbst probierte an dem Gemälde eine neue Maltechnik aus – die Seccotechnik. Leider erwies sich diese als nicht besonders haltbar, da die Farben auf bereits trockenem Putz aufgetragen wurden und sich nicht mit der Substanz verbinden konnten. So kommt es, dass das Gemälde in äußerst schlechtem Zustand ist und regelmäßig restauriert werden muss, um seinen Erhalt zu sichern. Außerdem wurde bereits 120 Jahre nach Fertigstellung des Freskos eine Kopie angefertigt.

Das Wandgemälde bietet jedoch nicht nur künstlerisch einige Besonderheiten, auch die inhaltliche Interpretation des Gemäldes ist faszinierend.  So erhält der Betrachter einen Blick auf die Gestalten des Gemäldes in einem sehr intimen Moment.

Das Abendmahl (Quelle: Wikipedia)

Das Abendmahl (Quelle: Wikipedia)

Jesus Aussage „Einer von euch wird mich verraten“ löst heilloses Durcheinander bei den Jüngern aus. Während sie alle empört, wissbegierig, starr vor Schreck und entsetzt diskutieren, sitzt Judas (5. v.l.) bewegungslos am Tisch und distanziert sich sichtlich von seinen Sitznachbarn, dem aufgebrachten Petrus und dem trauernden Johannes.  Doch handelt es sich wirklich um Johannes? Auch bei unserem Besuch kamen wir natürlich nicht umhin, über die Theorie zu sprechen, ob Johannes denn auch wirklich Johannes sei oder nicht doch Maria Magdalena. Selbstverständlich gab es einige Spekulationen und unterschiedliche Meinungen, doch letztendlich waren sich alle einig: Man weiß es nicht.

Wie wir bei unserem Besuch feststellten, drehen sich nicht nur um Johannes verschiedene Geschichten. Nein, auch zum Judas gibt es etwas Interessantes zu erzählen. So sagt man sich, dass da Vinci als Modell für das Gesicht des Judas den schlechtesten Menschen von ganz Mailand gewählt hat. Es traf einen Kaufmann, der während einer Reise, in der das Gemälde fertiggestellt wurde, zu zweifelhaftem Ruhm kam. Man erzählt sich, dass er nach Mailand zurück kam und von allen Bürgern ausgelacht wurde ohne dass er den Grund verstand. So lustig die Geschichte auch sein mag, so hat sie doch auch heute noch einen Lehreffekt: Sei immer nett und fair, wer weiß wer sonst 600 Jahre später noch erfahren könnte, dass du es nicht warst.

Mit diesem Fazit und einer netten über die Lautsprecher kommenden Aufforderung den Raum zu verlassen, endete unser Besuch, beim wohl berühmtesten Gemälde Mailands – doch halt. Als wir auf den Ausgang zugehen, sehen wir das andere Wandgemälde. Es zeigt die Kreuzigung des verratenen Jesu. Schade, dass unsere Zeit nicht mindestens doppelt solange war.[1]



[1] Der komplette Text wurde mit Hintergrundinformationen aus dem Wikipediaartikel „ Das Abendmahl“ versehen: http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Abendmahl (letzter Zugriff: 28.6.13)