ISSN: 1867-6189
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Tagungsbericht von der DHd2017, 13.-18. Februar 2017 in Bern

Im folgenden ein lesenswerter Tagungsbericht zur Digital Humanities Jahrestagung 2017, in Bern

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Εθνική Βιβλιοθήκη της Ελλάδος – Die Nationalbibliothek Griechenlands

Außenansicht der griechischen Nationalbibliothek an der Panepistimiou Street - Foto: Henning Prill

Das derzeitige Gebäude der Nationalbibliothek – Foto: Henning Prill

Auf einem Platz an der Panepistimiou Street, mitten im Zentrum von Athen, steht ein beeindruckendes Gebäude aus weißem Marmor, gesäumt von altgriechisch anmutenden Säulen ist dies der Sitz der griechischen Nationalbibliothek. Die Lobby ist vergleichsweise klein aber reich verziert und wird von einem alten Zettelkatalog dominiert. Der Lesesaal, klassisch umringt von Büchern, mutet an wie aus dem Bilderbuch. Die Decke ist mit Sonnensymbolen verziert, die sowohl  an die vier Elemente erinnern sollen als auch an das Symbol für Alexander den Großen.

1827 auf der Insel Aegina gegründet, zog die Bibliothek 1834 in die griechische Hauptstadt um und konnte 1838 durch zahlreiche Schenkungen ihre Bestände erweitern.

Das jetzige Gebäude, erbaut vom dänischen Architekten Theophil Freiherr von Hansen, bildet gemeinsam mit der Athener Akademie und der Athener Universität ein architektonisches Dreigespann neoklassischer Gebäude, welche in ihrem Stil antiken Tempeln nachempfunden sind. Für die Bauausführung war der deutsch-griechische Architekt Ernst Ziller verantwortlich. Der Bau begann Mitte der 1880er Jahre und wurde 1903 fertiggestellt, so dass die Bibliothek aus der Universität in ihr eigenes Haus umziehen konnte. Gestiftet wurde dieser Bau von den Vallianos Brüdern.

Die Nationalbibliothek ist eine Präsenz- und Archivbibliothek, eine Ausleihe der Medien ist bisher nicht möglich. Aufgrund der Archivfunktion ist für den Zugang zum Lesesaal ein Ausweis nötig, diesen gibt es aber nur für Benutzer ab 18 Jahre, dafür aber auch als Nicht-EU-Bürger, damit die Dokumente international zugänglich sind.

Die Bibliothek ist für die Vergabe der ISBN und die Erstellung der Nationalbibliographie verantwortlich.

Es gilt das Pflichtabgabegesetz, nach dem der Bibliothek von jedem in Griechenland gedruckten Werk drei Pflichtexemplare geliefert werden müssen. Das Sammlungsprofil der Bibliothek bezieht sich auch auf griechische Werke, die außerhalb Griechenlands erschienen sind.

Der Lesesaal der griechischen Nationalbibliothek

Der Lesesaal der griechischen Nationalbibliothek – Foto: Mel Janssen

Das Gebäude bietet den Benutzern einen großen Lesesaal und einen kleinen Lesesaal für Manuskripte. Die Regale sind aus Metall und ähneln in ihrer Bauart der des Eiffelturmes, was zu ihrer Bauzeit typisch war. Die Mehrheit der Bücher hier behandeln Philosophie, darunter z.B. Werke von Sokrates.

Die Bestände umfassen ca. 2 Millionen Bücher, 5200 Manuskripte, 180 Inkunabeln, alte Karten, Schriftrollen und vieles mehr. Das älteste, von einem Griechen geschriebene, Buch ist von 1476, die älteste Schriftrolle sogar aus dem 6. Jahrhundert.

Die Manuskriptsammlung der Bibliothek ist die drittgrößte weltweit, nach der British Library und der Mount Sinai Levy Library.

Rara im Büro des Direktors der Nationalbibliothek

Rara und Wasserschäden im Büro des Direktors der Nationalbibliothek – Foto: Mel Janssen

Außerdem zählen ca. 100.000 der Bücher zu besonders alten Werken, datiert vom 16. bis ins 19. Jahrhundert, sowie 15.000 wertvolle Rara, die mangels Safe oder Rara-Raum unter sub-optimalen Konditionen im Büro des engagierten Bibliotheksdirektors Dr. Fillipos Tsimpoglou lagern.

Die Originale vieler Werke verbrannten vor langer Zeit in der Bibliothek von Alexandria, doch Abschriften und Kopien dieser Werke wurden, soweit möglich, zurückgekauft.

Es gibt zwar ein Magazin in einem anderen Haus, doch aus Platzmangel sind nur die Bücher bis 2009 zugänglich, was auch im Bibliothekskatalog vermerkt ist. Aufgestellt sind die Bücher bis zum Jahr 2000 nach der hallischen Systematik, danach erfolgt eine alphabetische Aufstellung.

Zurzeit werden wichtige, vor allem religiöse Werke von Projektpartnern aus Texas (USA) digitalisiert. Begonnen wurde mit dem Zeitschriftenbestand, der nun Open Access zugänglich ist.

Zurzeit unseres Besuches, im Mai 2016, waren in der Bibliothek 40 Mitarbeiter festangestellt. Weitere 40 Arbeitsplätze werden seit kurzer Zeit von befristeten Angestellten besetzt, hauptsächlich sind dies Lehrer oder Professoren, die für jeweils ein Jahr in der Nationalbibliothek arbeiten. Davor waren seit 14 Jahren keine neuen Mitarbeiter eingestellt worden. Der Personalbestand soll aber mit Geldern der Stavros Niarchos Foundation bis 2017 auf 320 Mitarbeiter aufgestockt werden. Lange Zeit hatte die Bibliothek auch keinen Direktor.

Doch Personal- und Platzmangel sowie ungünstige Aufbewahrungskonditionen stellen nicht die einzigen Probleme dar, mit denen die Bibliothek zu kämpfen hat. Das alte Gebäude hat keinen Katatrophenschutz, keinen Feueralarm, kein Sprinklersystem. Die Gründe dafür sind laut Aussage des Direktors politischer und soziokultureller Natur, denn der Wert der Bücher wird stark unterschätzt.

Das vom Staat gestellte Budget von 243.000 € pro Jahr ist laut Dr. Tsimpoglus Recherche das niedrigste aller Nationalbibliotheken weltweit. Es deckt gerade so die Kosten für das Gebäude. Zum Vergleich: Allein die Personalkosten belaufen sich auf 900.000 € pro Jahr. Auch im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt steht das Bibliotheksbudget auf dem letzten Platz.

Seit 15 Jahren, bereits vor der Finanzkrise, gab es keine Neuerwerbungen mehr. Seit 12 Jahren keine neue IT-Ausstattung. Durch das Pflichtabgabegesetz erhält die Bibliothek zwar jedes Jahr ca. 12.000 Bücher, doch sind nur drei Katalogisierer vorhanden, obwohl 20 benötigt werden. Dies hat zur Folge, dass über 80.000 Bücher noch nicht katalogisiert wurden. Da zudem die griechischen Bibliotheken durch fehlende Infrastruktur und unterschiedliche Trägerschaft größtenteils einzeln katalogisieren und es wenig Fremddatenübernahme gibt, geht dieser Prozess schleppend voran. Auch bei der Erstellung der Nationalbibliographie hängt die Bibliothek acht Jahre hinterher. Weiterhin ist es unmöglich, die gesamten international erscheinenden Werke über die noch immer stark erforschte griechische Antike zu kaufen.

Noch ist MARC 21 Standard für die Katalogisierung, FRBR wird gerade geschult und RDA bisher nur in Universitätsbibliotheken angewandt. Der Aufbau von Normdateien erweist sich  als schwierig.

BRaIn TeilnehmerInnen und Prof. Büttner im Lesesaal der griechischen Nationalbibliothek.

Potsdamer Nachwuchs: BRaIn im Lesesaal – Foto: Gabi Lorenz

Die Mission der Bibliothek zu sammeln, zu erschließen, zu verwalten und zu ordnen sowie zu verbreiten ist unmöglich voll zu erfüllen. Mehr als Budget, Platz oder bessere Ausstattung sind hierfür gute Mitarbeiter nötig. Besonders stolz sprach Direktor Tsimpoglou daher über seinen “Nachwuchs”, die besten Konservatoren und Innovatoren, die die Bibliothek in ihre neue Ära geleiten sollen.

Der Bibliothek war ihre Lage sichtlich unangenehm, doch die Zukunft verspricht Besserung.

Denn durch eine 600 Millionen Euro-Spende der Stavros Niarchos Foundation konnte das “Stavros Niarchos Foundation Cultural Center” errichtet werden, welches bereits die neue Heimat der griechischen Nationaloper ist und bald auch die griechische Nationalbibliothek willkommen heißt. Eine Bildergalarie der Räumlichkeiten der Bibliothek im Bau ist auf der Seite der Foundation zu finden.

Das neue Gebäude prunkt im “Stavros Niarchos Park” nahe dem Hafen im Stadtteil Kallithea, etwa 5 km vom Athener Zentrum entfernt. Es wurde vom italienischen Architekten Renzo Piano entworfen und bietet auf der Nutzerseite nun eine öffentliche Bibliothek (inklusive neu einzurichtendem Leihverkehr) mit fünf großen Lesesälen mit getrennten Bereichen für Kinder, Jugendliche (die vorher wie erwähnt keinen Zugang hatten) und Erwachsene. Auf Bibliothekarsseite lockt die flexible Raumnutzung und angebrachte Aufbewahrung der Medien. Der Direktor verriet aber auch, dass die Leser die zentrale Lage und die Atmosphäre des alten Gebäudes vermissen werden. Der 5 Millionen Euro teure Umzug der 1,2 Millionen Medien wird also mit einem lachenden und einem weinenden Auge vollzogen.

Das alte Gebäude wird renoviert und dann als Magazin dienen, denn es ist unter der Klausel finanziert worden, dass es immer bibliothekarisch genutzt werden muss. Sonst ist eine Rückzahlung der Spende fällig.

Direktor Fillipos Tsimpoglou und Prof. Büttner

Direktor Dr. Fillipos Tsimpoglou und Prof. Büttner – Foto: Henning Prill

Direktor Tsimpoglou plant zur Eröffnung der Bibliothek eine symbolische Menschenkette zu organisieren. Hier sollen Politiker, Künstler, Autoren und Nachfahren bekannter Persönlichkeiten über sechs Kilometer hinweg einige wertvolle Bücher vom alten zum neuen Gebäude reichen. Überwacht werden soll dies durch die Bibliothekare. Symbolisiert wird damit der Übergang von einer Ära zur nächsten. Zusätzlich sollen Politik und Öffentlichkeit auf die zentrale Rolle und “heroischen” Bemühungen der Bibliothek hingewiesen werden. Er hofft auch, dass sich die internationale Presse für dieses Event begeistern kann um die Bibliothek weiter abzusichern.

Besonders beeindruckend an diesem Besuch war die unumstößlich positive Einstellung des Direktors und der motivierte Eindruck, den die Mitarbeiter vermittelten. Trotz der schwierigen Zeiten wurde der bibliothekarische Gedanke des Zugangs hier nie eingespart.