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Tagungsbericht von der DHd2017, 13.-18. Februar 2017 in Bern

Im folgenden ein lesenswerter Tagungsbericht zur Digital Humanities Jahrestagung 2017, in Bern

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Formen der Erinnerung: Die Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem

27. Januar 2016. An diesem Tag vor 71 Jahren wurde das KZ Auschwitz befreit. Es ist internationaler Holocaust Rememberence Day.

Wir besuchen die Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem. Gedenkstätten sind auch immer ein Spiegel der Erinnerungskultur, die mit ihnen verknüpft ist.
An diesem Tag und an diesem Ort liegt es nah, sich einige Gedanken über die Unterschiede in den Formen der Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus in Israel und Deutschland zu machen.

Die „Staatlichen Gedenkstätte für Holocaust und Heldentum – Yad Vashem“ wurde 1953 kurz nach dem israelischen Unabhängigkeitskrieg gegründet.
Es ist ein weit reichendes Gelände, auf dem sich ein Museum, welches 2005 neu eröffnet wurde, und weitere Denkmäler befinden.

Der Name Yad Vashem (die wörtliche Übersetzung lautet „Denkmal und Name“) verweist auf die Bibelstelle Jesaja 56,5:

„Ihnen allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal (Yad), ich gebe ihnen einen Namen (Vashem), der mehr wert ist als Söhne und Töchter: Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird.“

Yad Vashem steht in erster Linie für das Andenken an die Opfer des Nationalsozialismus, für das „nicht-Vergessen“ und die Individualisierung der unterschiedlichen Opfer. Personen und Dingen, denen man einen Namen gibt, werden greifbarer, sie gehen nicht unter in der Masse der Zerstörung der jüdischen Kultur durch den Nationalsozialismus.

Der Fokus der Gedenkstätte liegt ganz klar auf den (jüdischen) Opfern des Holocaust. Die Gedenkstätte spiegelt jedoch auch die Auseinandersetzung mit der Shoah im Kontext der Neugründung des israelischen Staates wieder.

Die Gründung des Staates Israel geht auf zionistische Ideen zurück, auf ein neues jüdisches Selbstverständnis von Stärke und Verteidigung und der Legitimierung des jüdischen Staates. Auch das merkt man der Gedenkstätte an.
So geht es auch um Heldentum: jüdischem Widerstand, wie der Aufstand im Warschauer Ghetto, und jüdischen Partisanengruppen sind im Museum große Teile der Ausstellung gewidmet. Nach dem zweiten Weltkrieg, als Israel für seine Unabhängigkeit kämpfte und viele Überlebende des Holocausts in den neuen Staat einwanderten, war es für das Selbstbewusstsein des israelischen Volkes besonders wichtig, die verfolgten europäischen Juden nicht als passive Opfergruppe zu sehen. Vielmehr wurden die Widerstandsgruppen als Beispiel für die Kraft des jüdischen Volkes in die zionistische Ideenwelt involviert.

Am Ende der Ausstellung betritt man den „Halle der Namen“, ein kreisförmiger, dunkler Raum an dessen Wänden in Regalen die sogenannten Gedenkblätter – von Angehörigen der Opfer erstellte Blätter mit Namen und Lebensdaten der Person – in Bänden aufbewahrt werden. In den Regalen ist noch Platz, noch lange sind nicht alle über sechs Millionen Opfer des Holocaust identifiziert worden.
Nach dem Verlassen des sehr bewegenden Denkmals läuft man unverzüglich auf den Ausgang des Museums zu, ein Vorsprung des Gebäudes von dem aus man über das im Tal gelegene Jerusalem blickt. Diese Führung der Ausstellungsbesucher scheint so gewollt: „Das sind unsere Opfer, das ist unsere Vergangenheit und hier, symbolisiert durch Jerusalem, liegt unsere Zukunft“ soll die Aussage zu sein.
Innerhalb der Ausstellung geht es immer wieder um Namen, um individuelle Schicksale. Zu jedem Exponat kann eine Geschichte erzählt werden. Yad Vashem begann mit seiner Gründung, Materialien von Überlebenden des Holocausts zu sammeln, darunter Fotos vom jüdischen Leben während der Zeit des Nationalsozialismus und Dinge, wie die originalen Pflastersteine aus dem Warschauer Ghetto. Zudem lag der Fokus darauf, möglichst alle Opfer der Shoah zu identifizieren – ihnen einen Namen zu geben.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind die Grundpfeiler der Erinnerungskultur. Wie wirkt sich die Vergangenheit noch auf die Gegenwart aus? Was bedeutet sie für unsere Zukunft?

Die deutsche Erinnerungskultur an die Zeit des Nationalsozialismus war lange geprägt durch Schweigen und Verdrängen. Wirkte der Holocaust in Israel als eine Art Katalysator für die Legitimierung des Staates, so geschah in Deutschland genau das Gegenteil: Wie kann das Land weiter existieren trotz der Verbrechen des Nationalsozialismus?
Erst in den 60er und 70er Jahren begann eine Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Auch heute noch schwingt dabei immer ein Gefühl von Kollektivschuld mit. Zwar wird auch dem deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus gedacht, dies geschieht aber weniger zur Hervorhebung von heroischen Taten als zur Linderung eben dieser Schuld.
Was für Israel „Es waren nicht Alle passive Opfer“ bedeutet, heißt für Deutschland „Es waren nicht Alle Nazis“.

In Yad Vashem wird nur am Rande auf die Täter des Holocausts eingegangen. In Deutschland, dem Land aus dem die meisten Täter kamen, nimmt die NS-Täterforschung einen großen Stellenwert innerhalb der Erinnerungskultur ein.
Beispielhaft hierfür ist das Dokumentationszentrum der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin. Es entstand auf dem ehemaligen Gelände des Reichsicherheitshauptamtes und der Reichsführung-SS und SD sowie dem Gestapo-Gefängnis.
In der Dauerausstellung geht es in erster Linie um die Täter. Hier müssen keine Namen vergeben werden, sind die Namen der Täter doch öffentlich bekannt und fungieren häufig gar als eine Art Synonym der Verbrechen des Nationalsozialismus.
Im Gegensatz zu Yad Vashem ist die Ausstellung sehr viel schlichter und gleicht eher einer Dokumentation. Es gibt keine Exponate, es werden kaum Biografien dargestellt sondern vielmehr größere Strukturen der nationalsozialistischen Diktatur und ihrer Organisation.
Die Auseinandersetzung mit den Tätern soll gerade nicht auf einer emotionalen Ebene passieren. Vielmehr geht es um eine nüchterne, analytische Darstellung der Zusammenhänge, um eine Annäherung an die Klärung der großen Frage: Wie konnte das passieren?

Der unterschiedliche Umgang mit der Aufarbeitung der Vergangenheit in Yad Vashem und der Topographie des Terrors zeigt deutlich, wie abhängig die Erinnerungskultur von der jeweiligen Perspektive der Erinnernden ist. Yad Vashem verdeutlicht auf beeindruckende Weise die identitätsstiftende Komponente der Erinnerungskultur. Aus der Perspektive der Opfer ergeben sich klare Weisungen für die Zukunft: die Notwendigkeit eines eigenen jüdischen Staates Israel.

In Deutschland wirkt die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus auf andere Weise auf Identität und Zukunft ein. Aus der Perspektive der Täter geht es eher um eine Rückschau und die Frage nach dem Warum. Eine Identität entsteht nicht durch Identifizierung sondern gerade durch die Abgrenzung von den Tätern der Vergangenheit. Die Zukunft wird dadurch bestimmt, was aus der Vergangenheit zu lernen und zu vermeiden ist.

Gemein ist jedoch beiden Formen der Aufarbeitung der Geschichte die wichtigste Folgerung aus dem Holocaust:

So etwas darf nie wieder passieren.