ISSN: 1867-6189
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Amsterdam – Sex, Drugs and Rock ‚n‘ Roll

Amsterdam, Hotel Fita, 21:45 Uhr. Ein junger Mann Anfang 30 checkt ein. Er ist müde vom Flug und sehnt sich nach Ruhe und Entspannung. Ein freundlich lächelnder Rezeptionist empfängt ihn und markiert zuvorkommend vier Punkte auf der Karte: Hauptbahnhof, van Gogh Museum, Standort des Hotels – und Rotlichtviertel. Unser junger Mann stutzt. Der Rezeptionist zwinkert. Das ist Amsterdam…

Führt der Weg in Amsterdams Seele also über nackte Haut? Raam te huur? Vielleicht. Wen interessiert schon, dass Amsterdam dreimal mehr Kanäle à Grachten als Venedig hat, dass die größte Altstadt Europas in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen werden soll, dass das jüdische Mädchen Anne Frank hier ihre Erlebnisse und Gedanken in einem Tagebuch niederschrieb oder dass einer der bekanntesten Künstler des Barock -nämlich Rembrandt- in Amsterdam gestorben ist?4 Wer die Hauptstadt der Niederlande kennen lernen will, muss vor allem eines tun: Mit allen Sinnen genießen!

Kein Wunder, dass der im 13. Jahrhundert errichtete Damm am Fluss Amstel „(v)on vielen ausländischen Andersdenkenden (…) als neue Heimat gewählt (wird)“.4 Nicht nur, dass über 18-Jährige hier weiche Drogen serviert bekommen wenn sie einen Coffee Shop besuchen, auch die Tatsache, dass ein Rotlichtviertel als Sehenswürdigkeit gepriesen wird und „aus dem Stadtbild gar nicht mehr wegzudenken1 ist, spricht für sich.

Man sollte meinen, dass bei derlei Hochgenuss der Sinnesfreuden unweigerlich das Chaos regiert. Sex, Drugs and Rock ‚n‘ Roll. Wo soll das hinführen? Tatsächlich gehört Amsterdam aber zu den „sichersten Städten der Welt“.2 Das Beratungsunternehmen Mercer LLC vergleicht jährlich die Lebensqualität von Metropolen weltweit. Dabei stand Amsterdam im Jahr 2011 auf Platz 17. Zum Vergleich: Für Berlin reichte nur Platz 36.3

Die Hauptstadt der Niederlande ist jung, modern, liberal. Rein rechnerisch gibt es hier mehr ethnische Gruppen als in New York. Hierher passt also ein internationaler Kongress von und für Studenten aus der Bibliotheks- und Informationswissenschaft. So wie der Wahlspruch Amsterdams es beschreibt: HELDENHAFTIG VASTBERADEN BARMHARTIG. Übrigens stehen die drei X-Zeichen in der Flagge nicht für Sex. Auch wenn man dies bei Amsterdams berühmt-berüchtigtem De Wallen vermuten könnte. Tatsächlich symbolisieren die drei Andreaskreuze wahrscheinlich jene drei Plagen welche Amsterdam in der Vergangenheit bedroht haben: Flut, Feuer und Pest.4

Heute drohen Amsterdam höchstens „japanische Touristengruppen1 im Rossebuurt.
Heldenhaftig, unentwegt, barmherzig. Diese Charakteristika des Wahlspruches von Amsterdam werden wir im Hinterkopf behalten, wenn wir am Social Programme von BOBCATSSS 2012 teilnehmen: Einer Tour durch das Rotlichtviertel. Das Abenteuer beginnt am Dienstag pünktlich um Sex – Verzeihung, sechs Uhr abends in der historischen Altstadt. Schließlich gilt Prostitution gemeinhin als ältestes Gewerbe der Welt. Während der Stadtführung klärt sich unter anderem die Frage, warum Prostitution stets mit Rot in Verbindung gebracht wird. Es scheint eine Binsenweisheit zu sein, dass die „Farbe Rot (…) neben ihrer allgemeinen Signalwirkung psychologisch oft in Verbindung mit Liebe und Leidenschaft, aber auch mit Gefahr und Sünde gebracht“ wird.5

Das Geheimnis, so berichtet der Stadtführer, habe zwei Ebenen. Heutzutage sei bekannt, dass rotes UV-Licht kleine körperliche Makel kaschieren kann – ein unentbehrlicher Vorteil für alle Damen, die sich hinter den Fenstern des Rotlichtviertels präsentieren. Früher dagegen habe das rote Licht eine gänzlich andere Bedeutung gehabt. Seit dem 13. Jahrhundert1 haben Prostituierte über Lampen, die sie bei sich trugen, angezeigt welchem Gewerbe sie nachgingen. Verschwand dann ein Mann mit besagter Frau, wurde die Lampe an die Eingangstür gehängt um deutlich zu machen, dass der Ort des Vergnügens bereits belegt war. Leider sorgte das starke Leuchten der Lampen nahe des Hafens für Verwirrung auf See und Unfälle mit ein- oder ausfahrenden Booten. Aus diesem Grund beschloss die Regierung eine eindeutige Farbkennzeichnung der Lampen: Nämlich Rot. So wurden die roten Lampen zum Synonym für das Rotlichtviertel.

Obwohl das Gebiet „zwischen der Centraal Station, Nieuwmarkt und Dam1 als Aushängeschild der offenen Politik von Amsterdam gilt, schrumpft das Rotlichtviertel jährlich. Grund dafür ist die unsichere Rechtslage, besonders im Bereich von Geldwäsche und Zwangsprostitution – welche nach Berichten des Stadtführers bei rund 50% liegen soll. Daher müssen alle, die sich künftig im Rotlichtviertel niederlassen wollen, gesetzlich nachweisen dass ihre Einnahmequellen rein (also legal) sind. Obwohl auch diese Regel auf dem Papier umgangen werden kann, wie die heute berühmte Banana Bar beweist. Laut Stadtführer war die Bar früher eine satanische Kirche und musste auf Grund ihres religiösen Charakters keine Steuern zahlen. Zumindest solange, bis die Regierung herausfand welche Art von Treiben tatsächlich dort vor sich ging. Der Besitzer floh außer Landes und die einstige Kirche wurde kurzer Hand zu einer Bar umfunktioniert.

Anpassungsfähig und kreativ. Eine Stadt, die sich nicht vor ihren Schattenseiten versteckt, sondern selbstbewusst mit Vor- und Nachteilen umgeht. Auch das ist die Hauptstadt der Niederlande… Also schließen wir diese Geschichte mit dem Lied Coras: „Komm wir fahren nach Amsterdam“!


Quellen:

  1. Amsterdam, 2011. Das Rot-Licht-Viertel Amsterdam. [online] Available at: <http://www.amsterdam.info/de/rotlicht/> [Accessed 11 January 2012].
  2. I amsterdam, 2009. 5 Things You Might Not Know. [online] Available at: <http://www.iamsterdam.com/en/visiting/spotlight/fivethings> [Accessed 11 January 2012].
  3. Mercer LLC, 2012. 2011 Quality of Living worldwide city rankings – Mercer survey. [online] Available at: <http://www.mercer.com/qualityoflivingpr#city-rankings> [Accessed 11 January 2012].
  4. Wikipedia, 2011. Amsterdam. [online] Available at: <http://de.wikipedia.org/wiki/Amsterdam> [Accessed 11 January 2012].
  5. Wikipedia, 2012. Rotlicht. [online] Available at: <http://de.wikipedia.org/wiki/Rotlicht_(Prostitution)> [Accessed 27 January 2012].

Bilder:

„Ist Schnee Abfall?“ – Streifzug durch die Bibliothek des Europäischen Parlaments

Dass bei 27 Staaten mit 23 Amtssprachen innerhalb der EU[1] Fülle garantiert ist scheint klar. Der Wahlspruch der Europäischen Union ist nicht umsonst „In Vielfalt geeint“[1]. Ebenso abwechslungsreich wie ihre Mitglieder sind auch die Anfragen an die Bibliothek des Europäischen Parlaments, welche in Brüssel verortet ist.

Die eingangs genannte Frage von einem schwedischen Abgeordneten erscheint auf den ersten Blick ungewöhnlich. Schnee? Abfall? Wie geht das zusammen? Eisiger Niederschlag ist immerhin ein Naturprodukt und keine kaputte Glasflasche, welche störend auf der Straße liegt.

Eingangsschild
Eingang der Bibliothek des Europäischen Parlaments (Autorin: Sarah Paatsch)

Tatsächlich wundern sich die polyvalenten Mitarbeiter in der Bibliothek nicht über solche Themen. Sie gehen jeder Anfrage mit detektivischem Spürsinn nach. Ergibt ein Fakt für sich genommen keinen Sinn wird direkt nachgefragt, was der Abgeordnete mit seiner Frage bezweckt. In unserem Beispiel stellte sich heraus, dass Schweden im Parlament über Müllbeseitigung diskutieren wollte. Hätte sich Schnee nach Rechtsprechung als Abfall heraus gestellt, wären Städte und nicht Einwohner für die Räumung zuständig gewesen. Das geflügelte Wort „Wissen ist Macht“ scheint hier in der Parlamentsbibliothek eine völlig neue Bedeutung zu erhalten.

Verifizierte Informationen sind in Regierungskreisen unerlässlich. Schon der kleinste Fehler kann später zu einer politischen Affäre führen. Aus diesem Grund ist das höchste Ziel der Bibliothek einen verlässlichen Service für ihre Nutzer zu bieten.

Dies wird unter anderem durch sechs Level von Dienstleistungen erreicht: Reference, Analysis, Summarizing, Commenting, Research on Policy Issues  sowie Impact Assessment. Dabei stehen spezielle Informationen für die Bibliothek, welche seit 2010 Mitglied der International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA) ist, im Vordergrund – wie das Beispiel mit der Umweltanfrage Schwedens verdeutlicht.  Die Information Officers und Specialists der Bibliothek recherchieren einen Fakt, welcher im Anschluss vom Policy Departement analysiert wird. Geht es um geschichtliche Schwerpunkte wird gegebenenfalls auf die Außenstelle in Luxemburg verwiesen.

Aber birgt ein vorurteilsfreier Umgang mit Informationen nicht die Gefahr der Politisierung? Was ist mit radikalen oder sogar faschistischen Anfragen? Wo zieht die Parlamentsbibliothek eine Auskunftsgrenze? Die Antwort ist einfach: Nirgends. Laut Direktor Alfredo de Feo gibt es weder richtige noch falsche Informationen. Die Information an sich ist solide und wertfrei. Was einzelne Abgeordnete damit machen, liegt in deren Verantwortung.

Und wie sieht es mit dem Problem multi-lingual vs. multi-national aus? Immerhin bedeutet Vielfalt im Sinne der EU Sorgfalt statt Einfalt. Und die Parlamentsbibliothek ist mit knapp 95.000 Medien kleiner als beispielsweise die Bibliothek des Deutschen Bundestages.  Dies hängt vor allem mit ihrer relativ späten Gründung zusammen. Umso erstaunlicher, dass es trotzdem zwei Tageszeitungen pro Land und 500 Wörterbücher im Bestand gibt. Die einzig fehlende Übersetzungskombination ist momentan Finnisch-Niederländisch. Da fehlen -zum Glück kaum- die Worte!

Lesesaal
Bibliotheks des Europäischen Parlaments (Autor: Stephan Büttner)

Auch die Informationsspezialisten der Bibliothek halten den sprachlichen Querschnitt ihrer übergeordneten Institution aufrecht. Bei mehr als hundert Mitarbeitern sind alle Mitgliedsstaaten und fast alle offiziellen EU-Sprachen vertreten. Arbeitssprachen in der täglichen Arbeit bleiben allerdings Englisch und Französisch. Inhaltlich werden die zahlreichen Themen der EU durch die vier Fachabteilungen Recht, Wirtschaft, Kohäsionspolitik und Auswärtiges abgedeckt. Neben der klassischen Bibliotheksarbeit wie Auskunftsdienst, Erwerbung und Katalogisierung mit dem selbst geschneiderten Bibliothekssystem Symphony, ist jeder Informationsspezialist für eines der vier Fachgebiete zuständig.

Hauptaufgabe dort ist die Recherche und Erstellung sogenannter Briefings, hierbei handelt es sich um fundierte Blattsammlungen zu einem bestimmten politischen Thema. Der Umfang hängt stark vom Thema ab, ein siebenseitiges Briefing bedarf etwa zwei Wochen intensiver Arbeit. Vom State-of-the-Art wird dabei der Kontext zur EU geschlagen, am Ende gibt es ausreichend Referenzen und Quellenangaben. Diese Briefings sind die Basis aller künftigen Debatten, bei Bedarf werden sie ausgebaut. Oft liefern sie Abgeordneten einen ersten Einblick ins Thema.

Über ein öffentliches Register[2] beweist die Bibliothek des Europäischen Parlaments ihr Alleinstellungsmerkmal. Und knapp 1.500 Leuten[3] gefällt das. Alles andere als Schnee von gestern also!


Quellen:

  1. Wikipedia, 2012. Europäische Union. [online] Available at: <https://de.wikipedia.org/wiki/Europäische_Union> [Accessed 17 June 2012].
  2. European Parliament, n.d.. Public Register. [online] Available at: <http://www.europarl.europa.eu/RegistreWeb/search/advanced.htm?language=EN&code_type_docu=BBRI&currentPage=19> [Accessed 26 June 2012].
  3. facebook, 2012. Library of the European Parliament. [online] Available at: <https://www.facebook.com/LibraryOfTheEuropeanParliament> [Accessed 17 June 2012].